Michaelas Logbuch – Fotoreisen und Fotoprojekte

Von männlichen und weiblichen Hinkelsteinen

In Internet stieß ich auf der Suche nach Exkursionszielen in der Umgebung von Cuglieri auf einen Bericht über Steine mit Brüsten. Ein gallischer Hinkelsteinlieferant wurde auch erwähnt :-). Das wollte ich mir genauer ansehen und machte mich auf dem Weg nach Tamuli. Die archäologische Ausgrabungsstätte in der Nähe der Stadt Macomer besteht aus dem Nuraghe mit darunter gelegenem prähistorischem Dorf, drei Gigantengräbern und sechs Hinkelsteinen, die eines der Gräber flankieren. Mehr über die Anlage auf: http://de.wikipedia.org/wiki/Tamuli .

Nuraghe Tamuli

Die Gigantengräber des Nuraghenzeitalters, bzw. der Bronzezeit (1800- 900 v.Chr.) sind große Grabstätten, in der aber keine „Giganten“ bestattet wurden. Vielmehr waren es kollektive Begräbnisstätten, die einige 10 – 100te von Toten aufnahmen.

Die 6 Steine, die das größte der drei Gräber bewachen, heißen hier natürlich nicht Hinkelsteine. Die Ausgrabungsdokumentation vor Ort benutzt den Begriff Betili. Aber sie sehen den Steinen, die Obelix mit sich herumträgt, in Form und Größe sehr ähnlich. Bis auf einen kleinen Unterschied: drei der Steine haben angedeutete Brüste, die anderen drei sind etwas kleiner und ansonsten ohne besondere Merkmale. Die weiblichen sind etwa 1,50m, die männlichen etwa 1,30m hoch.

Die Steinfiguren werden interpretiert als Repräsentationen der männlichen und weiblichen Gottheit (Dio Toro, Dea Madre), die über den Schlaf der Verstorbenen wachen. Wie bei so vielen Bauwerken der Nuraghenkultur bleibt Raum für Spekulationen und Interpretationen, denn zu den Steinen von Tamuli findet man nur wenig veröffentlichtes Material. Gesichert ist, dass die Betili (auch Bätyle, Baityloi) auf Sardinien recht konstante Begleitelemente der nuraghischen Gräber der Bronzezeit sind. Form und Größe variieren, oft ist die Spitze abgeflacht und ein wenig unterhalb der Kuppe können sich viereckige Aushöhlungen befinden, die auf den Betrachter wie Augen wirken.

In Gesprächen und beim Recherchieren von Karten- und Internetquellen stieß ich auf viele Erwähnungen von Gigantengräbern in der Umgebung von Cuglieri. Also machte ich mich auf die Suche. Die kleinsten Steine fand ich 9 km oberhalb von Cuglieri in einem Nuraghenvorhof. Sie sind nur 60-80 cm hoch und einäugig. Was es damit auf sich hat, war mir bei der Aufnahme noch unklar. Später erfuhr ich, dass dies keine Betili sind. Vielmehr wurden diese Steine zum Abstreifen des Korns verwendet, indem die Garben durch das Loch gezogen wurden.

Meine amateurhafte Spurensuche hat mich und das kleine rote Auto auf einige abenteuerliche Pisten geführt. An manchen Stellen unterscheiden sich die „alten“ Steinhaufen nicht auffällig von den natürlich in der Landschaft vorhandenen. Da stand ich dann etwas ratlos davor und die Kamera blieb im Rucksack stecken. Eine dieser Exkursionen wollte ich schon frustriert abbrechen, weil an dem im Internet genannten Ort weit und breit kein Hinkelstein auszumachen war. Dann, beim schönsten letzten Abendlicht, tauchte etwa 1 km später entlang der Holperpiste der steinerner Wächter auf. Er und ich sind etwa gleich groß, aber im Gegensatz zu mir hat der Stein zwei Augenpaare. Wohl, damit er nach vorne und nach hinten Wache halten kann. So ein Foto hatte ich mir gewünscht!

Menhire, die in Reihen oder kreisförmig angeordnet sind, so wie bei dem bekannten Steinkreis von Stonehenge gibt es auch auf Sardinien. Mehr darüber demnächst. Hier eine kleine Galerie mit Fotos aus Tamuli und von der Spurensuche nach anderen Steinfiguren. Für den Textteil habe ich die Bilder in Farbe belassen. Doch meine Favoriten sind die Schwarzweiß-Ausarbeitungen der Motive. Ich finde, damit kommt das Archaische und Rätselhafte noch besser zur Geltung. Was meinst du?

6 Gedanken zu “Von männlichen und weiblichen Hinkelsteinen

  1. Jutta Arens

    Das ist ja äußerst interessant. Es gibt doch viele Ähnlichkeiten mit zahllosen Varianten in verschiedenen Kulturen und ganz offensichtlich ein Bedürfnis der Menschheit nach Gottheiten und Symbolen und auch den Wunsch nach Darstellungen dieser. Ich finde, dass das Panorama mit den Hinkelsteinen fast lieblich wirkt, in der SW-Variante bekommt es etwas Geheimnisvolles. Daher meine Favoriten Nr. 3 und Nr. 8
    Liebe Grüße Jutta

  2. Jan Klüver

    Tolle Bilder und es stimmt: Die Bilder wirken besser in Schwarzweiss.
    Aber auch die Geschichte dahinter klingt spannend, wer weiss schon etwas über die Bronzezeit auf Sardinien.
    Aber man lernt ja bekanntlich nie aus 😉
    Gr
    Jan

  3. Steffen

    Eben! So ein Inselleben verändert einen, garantiert 🙂
    Nr. 4 finde ich irgenwie lustig, hat was comichaftes und die Nr. 8 ist ja ne hübsche Familie Conehead.

    lg
    Steffen

  4. Helge Hildebrand

    Mein Favorit ist die Nummer 6. Sehr schön, wie die Wolkenformation den Betrachter ins Bild ziehen.
    Aber wie immer sind alle Deine Fotos großartig geworden und ich kann mir bei Nummer 7 gut vorstellen, dass da gleich ein Hobbit um die Ecke kommt.
    LG
    Helge

  5. Heinz Diehl

    Sehr schöne Fotos. ….
    Ich kann mir gut vorstellen, dass mein Freund OBELIX jetzt sagen würde,
    DIE SPINNEN, DIE ….
    Liebe Grüße aus Groß Gerau
    Heinz

    1. Michaela Artikel Autor

      Lieber Heinz,
      ist ja klar, denn Obelix wäre nicht auf den Gedanke gekommen, die Form seiner Hinkelsteine zu verändern. Meines Wissens sind die Steine, die in der Bretagne stehen, nämlich alle männlich.
      Vielleicht haben die Megalithkultur-Menschen auf Sardinien nicht gesponnen, sondern ein weniger männlich zentriertes Weltbild besessen?
      LG
      Michaela

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