Michaelas Logbuch – Fotoreisen und Fotoprojekte

Früh morgens bei der Getreideernte

Im Juli war es ein Jahr her, dass das verheerende Feuer auf Sardinien  im Montiferru gewütet hat. Was ist seit dem geschehen? Es gab viel Hilfe, aber es liegt auch immer noch viel im Argen. Am 16. Juli hatten Lilli und Antonangelo  auf ihrem Hof S’Ispiga diejenigen aus der Familie und dem regionalen Bekanntenkreis, die ihnen letztes Jahr nach dem Feuer beim Aufräumen geholfen hatten eingeladen. Das Besondere an diesem Tag war, dass sich viele schon am Morgen um 5:00 Uhr einfanden, um ein symbolisches Stück Getreidefeld nach traditioneller Art mit der Sichel von Hand zu ernten.

Handarbeit mit der Sichel. Zum Binden der Garben dient das Stroh vom Feld als Naturmaterial. Zum Vergrößern bitte hinein klicken.

Bei diesem Ereignis durfte ich fotografieren. Der frühe Start – praktisch noch im Dunkeln – war kameratechnisch eine Herausforderung. Das erste Foto ist um kurz nach 5:00 Uhr mit ISO 4000 entstanden. Ohne Stativ, denn das wäre im Feld im Weg gewesen. Das Licht war eine Stunde bevor die Sonne über die Berge kam sehr weich. Situationsbedingt ergab sich ein geringer Kontrastumfang und geringe Schärfentiefe, was ich in der Rückschau ganz stimmungsvoll finde. Dies änderte sich schnell, als die ersten Sonnenstrahlen um 6:00 Uhr ins Feld fielen. Nun ergaben Licht-Schatten-Kontraste neue Bildgestaltungsmöglichkeiten (s. ab Bild 4 in der Galerie unten). Bei den letzten Fotos war dann der Zauber der besonderen Lichtstimmung verschwunden, sie haben eher etwas Dokumentarisches.

S’Ispiga, der Name des Hofes bedeutet Ähre. Das steht natürlich für die Verbundenheit mit dem selbst angebauten Getreide. Der Grano capelli ist eine Hartweizensorte mit langen Grannen, von denen einige dekorativ dunkel schimmern. Das daraus gemahlene Mehl eignet sich sowohl für Pasta als auch zum Brotbacken.

Hausgemacht: v.l.n.r.: Fregola, Cringas und Malloreddus Die langen Grannen der Ähren schimmern hier im letzten Abendlicht. Zum Vergrößern bitte hinein klicken.

Die Gäste haben an diesem Morgen nicht das ganze Kornfeld mit der Sichel abgeerntet. Es ging vielmehr um die gelebte Erfahrung „wie es früher war“. Alle waren hochkonzentriert mit vollem Einsatz dabei. Am Ende brachte der Sohn Lorenzo den Esel ins Feld. Die Garben wurden auf dem Rücken des Tieres aufgetürmt, festgebunden und vom Feld geführt. War das jetzt Arbeit? Ein Fest? Oder ein geselliges Miteinander? Ich glaube, es war von Allem etwas dabei. Denn nach der Ernte saßen wir lange bei gutem Essen und lebhaften Gesprächen zusammen. Vielen Dank, dass ich dabei sein durfte. Schön war`s!

Die Erfahrung „wie es früher war“ lebendig erhalten. Zum Vergrößern bitte hinein klicken.

Zum Abschluss wie immer hier eine kleine Galerie von dieser etwas anderen Getreideernte. Diesmal als Schwarzweiß-Galerie, weil ich finde, dass die Fotos in  Schwarzweiß mehr von der Atmosphäre dieses Tages vermitteln. Allerdings habe ich eine Weile hin und her überlegt, ob das wirklich passend ist. Was meinst du dazu? Mein Favorit ist das Bild Nummer 3. Und welches gefällt dir am besten? Bei dem weißen „Ding“ am Arm im Foto Nr. 3 handelt es sich nicht um einen Verband oder Gips, sondern um einen traditionellen Schutz, damit der Arm bei der Erntearbeit nicht zerstochen wird.

Klicke auf ein Vorschaufoto, um die Galerie in der Vollbildansicht zu öffnen.

14 Gedanken zu “Früh morgens bei der Getreideernte

  1. Gisela Hawickhorst

    Hallo Michaela,
    ich verstehe Deine Intention, SW zu nehmen. Aber ich könnte mir auch den Sepiaton sehr gut vorstellen. Muss ja nicht alles sw sein, sondern vielleicht auch gemischt, bunt, SW und sepia.
    Mir gefallen mehrere Bilder sehr gut – vor allem wie Christa schreibt, die Bilder mit mehreren Generationen und der offensichtliche Stolz der Beteiligten.

    1. Michaela Artikel Autor

      Hi Gisela,
      vielen Dank für deine Gedanken zu der Fotogeschichte. Eine Galerie, in der sich bunte und schwarzweiße Bilder mischen, finde ich für mich persönlich irritierend anzuschauen. Bei so einem Switch zwischen Farbe und SW sehen dann für mich plötzlich die farbigen Fotos zu kräftig bunt aus, oder ich vermisse dann doch bei den SW-Fotos die Farbe, so wie es Helge in seinem Kommentar geschrieben hatte. Deshalb bleibe ich bei Serien, Sequenzen, Geschichten oder Webgalerien lieber bei einer Darstellungsform. In diesem Fall auch wegen der Kontinuität der erzählten Geschichte. Wenn es jedoch um die Präsentation einzelner Fotos, die für sich alleine sprechen, gehen soll, sehe ich es genauso, wie du. Bei den Fotos Nr. 12, 14 und 16 würde ich dann wohl die Farbvariante bevorzugen.
      LG
      Michaela

  2. Peter Liebthal

    Liebe Michaela, wie du weißt, tue ich mich mit schwarz-weiß immer schwer, aber die Überlegungen von Roland kann ich nachvollziehen und sind auch hilfreich für mich . Um die Stimmung, die die Bilder vermitteln sollen (Wie es früher war), deutlicher zu machen, hätte ich die Bilder „auf alt getrimmt“ mit einer Sepiatonung oder dgl, natürlich nur leicht. Vielleicht hätte ich auch die Bilder etwas softer gemacht.
    Interessant und mal wieder bezeichnend, dass jeder Betrachter ein anderes Bild als Favorit hat. Mein Favorit ist Bild Nr. 1.

    1. Michaela Artikel Autor

      Lieber Peter,
      vielen Dank für deine Anmerkungen. Du hast recht, die vielen unterschiedlichen Favoriten und Präferenzen sind auch für mich immer wieder sehr interessant.
      Beim Ausarbeiten der SW Bilder habe ich tatsächlich mit verschiedenen historischen Tonungen rumgespielt. Ich bin grundsätzlich ein Fan davon. Dieses Mal habe ich sie dann aber alle verworfen. Der Grund ist folgender: die Lichtstimmung von einer Stunde vor Sonnenaufgang bis fast Mittags hat jedem Foto eine andere Kontrast-Charakteristik gegeben. Von sehr soft um 5 Uhr früh bis sehr hart am Mittag. Die Bilder alle mit einem Tonungsprofil zu versehen, hätte da was kaputt gemacht. Unterschiedliche – zum jeweiligen Kontrastumfang passende Tonungsprofile wiederum hätten der Kontinuität in der Geschichte widersprochen. Also hab ich es am Ende ohne Tonung belassen. Etwas anderes ist es natürlich, wenn ich ein einzelnes Bild aus der Sequenz herausnehmen würde, um es z.B. an die Wand zu hängen. Aber das war ja dieses Mal nicht das Ziel.
      LG
      Michaela

  3. Christa Jedelhauser

    Hallo Michaela,
    für die Dokumentation der Getreideernte, wie es früher war, finde ich auch schwarz-weiß schon sehr angebracht – obwohl ich normalerweise eher Farbe vorziehe. Die grelle Sonne ist bei sw auch besser zu händeln. Beeindruckend ist, wie der Stolz der Beteiligten sichtbar wird und mehrere Generationen dabei sind.
    Meine Favoriten sind desbalb 4, 14, 16.
    Ganz liebe Grüße
    Christa

    1. Michaela Artikel Autor

      Liebe Christa,
      vielen Dank für dein Feedback und für deine Favoriten. Dann freut dich vielleicht zu hören, dass die Nummer 16 jetzt auf dem Hof auch als Ansichtskarte zu haben ist – in Farbe 🙂
      Liebe Grüße
      Michaela

  4. Bernhard Schmid

    Hallo Michaela,
    Für die Darstellung der alten Arbeitsmethoden finde ich die Schwarzweiß-Darstellung ganz passend. Meine Favoriten sind die #2 und #8.
    Allerdings war mein erster Impuls auch, oh, warum verschenkt sie das satte goldgelb der Ähren.
    Beide Varianten haben sicher ihre spezielle Wirkung und „Daseinsberechtigung“.

    1. Michaela Artikel Autor

      Hallo Bernhard,
      vielen Dank für dein Feedback. Deine Favoriten 2 und 8 sind die eher kommunikativen Fotos. Darüber freue ich mich, weil Interaktion/Kommunikation einzufangen für mich bei solchen Anlässen immer die schwierigste Aufgabe ist. 🙂 Dass beide Varianten, SW und Color, ihre „Daseinsberechtigung“ haben sehe ich genauso. Für einen Kalender, ein Fotobuch oder Ansichtskarten würde ich in diesem Fall auch „in Farbe“ wählen. Um die Geschichte „wie es früher war“ zu erzählen“ aber schlägt mein Herz für SW.

  5. Roland

    Die Diskussion, welche Darstellungsweise für das Motiv am besten geeignet ist, hier Farbe oder Monochrom, macht nur dann einen Sinn, wenn man keine klare Vorstellung hat, was das Motiv eigentlich ist. Michaela scheint eine klare Vorstellung zu haben. Wie sie schreibt, liegt die Faszination des Motivs in der Stimmung, die durch die alte traditionelle Ernteweise entstanden ist. Sozusagen ein Blick zurück in eine Zeit, die unwiederbringlich vorüber ist.
    Was ist das Motiv? „Blauer Himmel und grüne Bäume im Hintergrund, das goldgelbe Korn und dann der Kontrast zu den weißen Hemden“ wie Helge schreibt? In diesem Fall wäre Farbe sicher die richtige Wahl. Das ist, wenn ich Michaela richtig verstehe, nicht ihre Intension, sondern der Ausflug in die Vergangenheit. Schon stellen sich die folgenden Fragen:
    • Unterstreichen die Farben in diesem Fall das Motiv?
    • Ist Farbe für diese beabsichtigte Stimmung wichtig, oder könnte sie in Monochrom besser zum Ausdruck kommen?
    • Konkurrieren gar die Farben mit wichtigen Bildelementen und sollen sie weggelassen werden?
    Durch das Weglassen der Farbe kann meiner Meinung nach die eigentliche Handlung im Bild ihre Wirkung kraftvoller entfalten. Der Betrachter achtet mehr auf Strukturen, Bewegungen, Augenblicke bzw. auf die Handlung. Wenn wie im vorliegenden Beispiel diese Dinge von Bedeutung sind, führt Farbe zu einer unnötigen Ablenkung. Deshalb halte ich die Ausarbeitung in Monochrom für die richtige Wahl.
    Mein Favorit ist Bild Nr. 3

    1. Michaela Artikel Autor

      Hallo Roland,
      vielen Dank für deinen ausführlichen Kommentar in dem du die Frage SW oder Farbe differenziert und vom Ziel her gedacht, darlegst. Ein wichtiger Impuls. Meine Intention bei der Wahl SW hast du damit präzise wiedergegeben.

    1. Michaela Artikel Autor

      Liebe Margareta,
      vielen Dank für dein Feedback. Im Moment gibt es damit eine Mehrheit für „in Farbe“. Interessant. Ich verstehe es so, dass Farbe auf euch lebendiger, fröhlicher wirkt. Richtig?
      Euer Feedback ist so wichtig. Ich finde, Fotografie lebt von solchen kreativen Auseinandersetzungen. Jetzt warte ich mal noch weitere Rückmeldungen ab. Wenn es bei einer Mehrheit für „in Farbe“ bleibt, werde ich in den nächsten Tagen eine zweite Galerie mit den Farbbildern hinzufügen.

  6. Helge

    Ne. Tut mir leid, Michaela. Blauer Himmel und grüne Bäume im Hintergrund, das goldgelbe Korn und dann der Kontrast zu den weißen Hemden wie auf dem Farbfoto oben. Für mich wäre hier Farbe eindeutig die bessere Wahl.
    Mein Favorit wäre die Nummer 7 (nur eben in Farbe bitte 🙂 )
    Ansonsten eine wunderbare Doku. Der Esel als Arbeitstier rundet das Ganze perfekt ab. Gefällt mir ausgesprochen gut. Aber nimmt man für die Kornernte nicht eine Sense?

    1. Michaela Artikel Autor

      Hallo Helge,
      vielen Dank für dein Feedback. Mir gefällt die Farbversion der Fotos natürlich auch – nur eben nicht ganz so gut, wie in SW 🙂 . Zweie aus der Serie gibt es seit ein paar Tagen als Ansichtskarten. Und die sind für diesen Zweck in Farbe, in SW hätten wir damit nur ein recht kleines Publikum erreicht. Für mich kommt es immer auf den Ausgabekanal an, ob ich SW oder Farbe besser finde. Daher Farbe für die plakative Postkarte und SW für die Geschichte „wie es früher war bei der Getreideernte“.
      Früher war die Sichel, wie du sie auf den Fotos siehst das typische Werkzeug bei der Mahd. Es gibt sogar ein Buch mit dem Titel „Die Sprache der Sichel“ von Gavino Ledda, dem Autor von Padre Padrone.

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