Alte Wassermühlen – Geschichten von Verfall und Restaurierung
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Die Kraft des Wassers wurde an den Flüssen des Montiferru in den vergangenen Jahrhunderten an vielen Orten zum Mahlen von Getreide genutzt. Eine Kartierung von 2009 verweist auf ehemals 96 Kornmühlen in Gebiet Montiferru-Planargia-Marghine, viele davon rund um Cuglieri, Scano di Montiferru und Santu Lussurgiu. Auf meine Fragen nach Überresten der alten Getreidemühlen ist die häufigste Antwort „ da siehst du nichts mehr, die sind verfallen und überwuchert.“ Doch manch einer weiß noch, wo sich früher ein Mühlrad drehte und beschreibt mir den Weg dorthin. Seit meine Neugier sich herumgesprochen hat, bekomme ich immer wieder Hinweise und lerne Stück für Stück mehr über die Vergangenheit der Mühlen.
Abmessungen und Mahlkapazität waren meistens bescheiden, unter anderem wegen der in der Trockenzeit zurückgehenden Wassermenge der Flüsse. Zwei Gründe erklären das Verschwinden der Mühlen: Durch den Bevölkerungsrückgang während der Auswanderungswelle nach Amerika im letzten Jahrhundert sank die Nachfrage nach frisch gemahlenem Mehl. Mit dem Beginn der industriellen Mehlproduktion in den 20er und 30er Jahren kam das endgültige Aus für die alten Mühlen. Einige wenige arbeiteten noch bis in die 50er Jahre, im darauf folgenden Jahrzehnt verstummten sie ganz. Ein 89-jähriger Herr, mit dem ich am Wegesrand ins Gespräch komme, erzählt: „in meiner Jugend in den 50er Jahren habe ich die Getreidemühle hier noch in Aktion erlebt. Aber nach dem Krieg sind viele von hier weggegangen und außerdem gab es dann das Mehl im Supermarkt zu kaufen ….“
Marilena weiß von einer Mühle in der Nähe ihres Gartens. Die Wegbeschreibung ist eindeutig, sie führt mich zum Fluss hinunter, so dass ich einfach nach Gehör laufe und mich vom Rauschen des Wassers leiten lasse. Unten angekommen, ist der erste Eindruck: Die Natur umschlingt die alte Mühle vollständig. Haus und Efeu sind eine intensive Verbindung eingegangen. Um in das Gebäude aus grauem Naturstein hineinzusehen, muss ich den Fluss auf ein paar Sprungsteinen überqueren. Eigentlich kinderleicht. Aber mit Fotorucksack und Stativ springe ich etwas unbeholfener und hole ich mir doch nasse Füße – macht nichts! Im Inneren ist alles in einem malerischen Verfall begriffen. Vom Dach sind nur die hölzernen Balken übrig geblieben. Es gibt drei Räume, deren Funktion ich aber aufgrund der ungewissen Statik nicht genauer erkunden möchte. Die Mahlsteine und etwas Antriebstechnik sind noch vorhanden. Mit viel Fantasie lässt sich sogar erahnen, wie das große, vertikale Wasserrad im Raum dahinter einmal ausgesehen hat. Der kleine Kanal, mit dem einmal Wasser von oben auf das Mühlrad geleitet wurde, hat sich mit Erde und Laub gefüllt, ist aber gerade noch zu erkennen.

Bei einer Wanderung am Riu Sos Molinos treffe ich auf eine ziemlich gut erhaltene Mühle, die als Station eines regionalen Wanderweges ausgewiesen ist. Die Pforte zum Mühlengrund steht einladend offen, also schaue ich mich neugierig um. Vor der verschlossenen Eingangstür des Mühlenhauses ist ein Mahlstein ausgestellt. Daneben erklärt eine Schautafel die einfache Technik: „Sie basiert auf einem Schaufelrad aus Eichenholz, das horizontal unter dem einlaufenden Wasser angebracht ist. Die Vertikalachse des Rades dreht einen Mahlstein aus hartem Basalt. Auf diesem zerreibt ein analoger Deckstein das Getreide zu Mehl.“ Als ich um das Gebäude herum gehe, entdecke ich an der Rückseite das vollständige horizontale Mühlrad und bekomme aus dem, was noch vorhanden ist auch eine vage Idee von dem System der Wasserkanäle zum Antrieb des Rades. Ein paar freche Efeutriebe schauen zwischen den Holzflügeln hervor.
Aufschlussreich sind die Informationen zur Geschichte der Mühlen auf der Schautafel: „Auf Sardinien lagen die Wassermühlen des Mittelalters quasi exklusiv in den Händen mächtiger kirchlicher Einrichtungen, zum Beispiel Klöstern. Denn nur diese konnten die Kosten für den Bau und die Unterhaltung aufbringen und sie hatten das absolute Wasserrecht. In der jüngeren Vergangenheit dagegen wurden Mühlen von einem Müller bewirtschaftet. Ihm wurde ein festgelegter Anteil am Getreide für seine Arbeit abgetreten, so dass die Arbeit an der Mühle ihm und seiner Familie einen Teil des Lebensunterhalts einbrachte. … Der Müller holte wöchentlich die festgelegte Menge Weizen, Gerste oder Mais bei seinen Kunden ab. Er transportierte das Getreide per Esel oder Pferd zur Mühle, schüttete es in den Trichter und startete das Mahlwerk. Ein Alarmmechanismus machte es ihm möglich, die Mühle während seiner Abwesenheit laufen zu lassen und zurückzukommen, wenn der Mahlvorgang beendet war.“
An der gegenüberliegenden Gebäudeseite kann ich durch ein kleines Fenster einen Ausschnitt des Innenraums einsehen. Viel ist im Dunkeln nicht zu erkennen, doch die Konturen eines großen Trichters zeichnen sich im Gegenlicht des dahinter liegenden Fensters ab. Ich mache ein Foto und freue mich, dass die Langzeitbelichtung mehr offenbart, als das bloße Auge erkennen kann.
Guido und seine Frau Mariangela wollen in Eigeninitiative eine alte Wassermühle auf ihrem Grundstück wieder herrichten. Sie zeigen mir, was von der Mühle noch vorhanden ist. Das ist nicht mehr viel. Etwas Besonderes ist, dass zwei Wasserzuführungen einen Hang herunter kommen. Eine Doppelmühle? Von den Gebäuden unterhalb des Hanges ist gerade noch die Struktur zu erkennen. Was die beiden sich vorgenommen haben, sieht nach einem Riesenberg Arbeit aus. Ein Mahlstein wird bei der Besichtigung vom Wildwuchs befreit, damit ich ihn fotografieren kann. Guido erzählt, dass sie beim Freiräumen des früheren Eingangstürbereichs eine alte Münze fanden und so das Baujahr der Mühle abschätzen können. „Früher hat man beim Bau über der Tür eine Münze eingemauert, als Glücksbringer, damit das Gebäude Bestand hat.“
Auch zu den Bäumen, die neben den Mühlenfragmenten hoch hinaus gewachsen sind, weiß er etwas zu berichten: „damit alle zur Mühle finden konnten, hat man früher hier in der Gegend ihren Standort mit diesen hochwachsenden Pappeln markiert. So hat jeder schon von Weitem gesehen, wo es lang geht.“ Jetzt schaue ich bei meinen Mühlensuch-Exkursionen immer auch auf die Bäume drum herum. Die Mühlen sind manchmal kaum noch auszumachen, die Pappeln schon.
Auf dem Rückweg zum Auto sehe ich am Fluss etwas, das ich näher betrachten muss. Ich zwänge mich durch das Gestrüpp uferabwärts. Ist das etwa eine steinerne Bogenbrücke? Ja, die ist wohl aus der Römerzeit“, vermutet Guido. „Willst du sie fotografieren?“ „Ich würde gerne, aber sie ist so zugewachsen, dass man auf dem Foto nichts erkennen würde“, sage ich. Daraufhin wird extra für mich der Wildwuchs um die Brücke herum abgesichelt, was mir fast ein bisschen unangenehm ist. „Reicht es dir so?“. „Ja, danke sehr“. Die Zagori-Assoziation ist nur sehr flüchtig, aber sie ist da.
Es bleibt nicht bei einem Déjà vu-Erlebnis von Mühle und Bogenbrücke. Etwas außerhalb von Cuglieri folge ich einem Hinweis zu einer anderen verfallenen Mühle am Fluss. „Steig über den Zaun und geh über die Brücke, von dort sind es nur ein paar Schritte bis zu dem alten Mühlenhaus.“ Als ich vom Weg aus die Brücke sehe, bin ich mir nicht so sicher, ob sie mich wohl tragen wird. Sie tut.
Von dem Gebäude grauem Naturstein stehen nur noch die Mauern. Fenster und Türen sind leer. Den Innenraum haben Brennnesseln, Gräser, Farne, Lorbeertriebe und andere Sträucher erobert. Sie sind mittlerweile schon über die Höhe des nicht mehr vorhandenen Daches hinausgeschossen. Dass dies einmal eine Mühle war, wird erst auf den zweiten Blick klar: Unter der dem Fluss zugewandten Wand ist eine tunnelartige Öffnung mit Steinbogeneinfassung zu sehen. Dort war der Platz für das horizontale Mühlrad. Jetzt sieht diese dunkle Öffnung etwas unheimlich aus. Hineingehen möchte ich mit Kamera und Stativ lieber nicht. Besser keine schlafenden Drachen wecken 🙂 . An der gegenüber liegenden Wand erkenne ich den zugehörigen Wassereinlass. Im Gelände dahinter entdecke ich später auch den Zufluss-Kanal, der das Wasser vom Fluss auf das Mühlrad leitete. Die Mühle ist nur noch für Mühleneingeweihte als solche zu erkennen. Aber die Brücke zur Mühle versetzt mich gedanklich kurz wieder nach Zagori.
Zum Abschluss hier, wie immer, eine kleine Galerie zu den Mühlengeschichten. Meine derzeitigen Favoriten sind die Nr. 8 und Nr. 16. Und welche gefallen dir?
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- Der älteste Baum Italiens
- Nach dem großen Feuer
Hallo Michaela,
Du bist ja eine große „Mühlenspezialistin“ und wenn ich bei uns von Mühlen höre, denke ich immer sofort an Dich.
Manchmal muten die Bilder schon etwas unheimlich an, aber Du bist ja mutig und machst so schöne, erklärende Fotos. Bild 3, 8 und 16 sind meine Favoriten, aber ebenso spannend sind die anderen Fotos. Danke, dass Du sie uns zeigst und teilhaben lässt!
Herzliche Grüße
Christa
Hallo Michaela,
hast Du Dir den Doktorvater für Deine Promotion in europäischer Mühlengeschichte schon ausgesucht? Biologie als Wahlfach wäre auch noch möglich hinsichtlich der Rückeroberung durch die Natur. Jedenfalls ein wunderbar Corona-gerechtes Thema bei der Einsamkeit rund um die Mühlen. Der Trichter im Gegenlicht, bei dem die Kamera das Restlicht erfolgreich aus der Dunkelheit geholt hat, gefällt mir am Besten und die Brücke im Urwald (Nr. 10).
Viele Grüße,
Torsten.