Michaelas Logbuch – Fotoreisen und Fotoprojekte

In den Bergen des Iglesiente

Aktualisiert, jetzt auch mit einigen Fotos von Torsten im Text und in der Galerie:

Der Südwesten Sardiniens besitzt eine lang zurückreichende Bergbaugeschichte. Von der Nuraghenkultur (1500 Jahre v.Ch.) über die Römerzeit bis in das vergangene Jahrhundert wurden in den Bergen des Iglesiente Metalle (Zink, Blei, Silber) abgebaut. Ab der Mitte des 18. Jahrhunderts  stieg in Europa die Nachfrage nach diesen Rohstoffen und ein industrieller Bergbau entwickelte sich in der Region. Das bedeutete Straßen, Schienenwege, Hafenanlagen zum Abtransport, Minengebäude, Fördertürme, Brennöfen und Stollenausbau. Der Großteil der geförderten Metalle ging auf dem Seeweg nach Nordeuropa. Heute sind diese Minen verlassen. Sie wurden 2001 als der erste Parco Geominerario auf der Welt als UNESCO Weltkulturerbe anerkannt.

Alte Aufnahme des Minenverwaltungsgebäudes „Canale Grande“, aus: http://www.minieredisardegna.it/

Zur Vorbereitung der Fotoreise „Sardiniens Süden“ hatte ich im letzten Jahr die Küste dort mit ihren vielen schönen Buchten und Stränden fotografisch erkundet. Ergänzend dazu die im Cammino Minerario di Santa Barbera verbundenen alten Bergwerksanlagen, die mit dem Auto und einem kurzen Fußmarsch gut zu erreichen waren. Mehr dazu in einem Bericht vom Mai 2018 unter diesem Link.

 
Heute sieht das Gebäude der Miniera Canale Grande so aus.

Bei diesen Vorerkundungen war mir ein Buch in die Hände gefallen, das 8 Wanderungen quer durch die Berge der Minenregion beschrieb (Lino Cianciotto, Ursprüngliches Iglesiente, Edizione Enrico Spanu). Das sprach mich an und ich beschloss, einige der beschriebenen 8 Etappen auszuprobieren. Auch um ein Gefühl für die Geschichte der Minen abseits der gut erreichbaren Schauplätze zu bekommen. In der ersten Aprilwoche ging es los. Torsten begleitete mich und wir versuchten, Wegstrecken zusammenzustellen, die uns an einigen Bergwerken entlang führten, für mich nicht zu schwierig zu laufen waren und uns abends in die Nähe eines Schlafplatzes brachten.

Canale Grande

An der Westküste, zwischen Buggerru und Masua führte uns unsere erste Wanderung auf einem Teilstück des Sentiero nel Blu zu den Resten der ehemaligen Miniera di Canale Grande und dem unterhalb gelegenen kleinem Strand. Diese Mine wurde ab 1869 von der belgischen Gesellschaft Vieille Montagne erschlossen. Abgebaut wurden Zink, später Bleiglanz/Silber.Das Besondere an den kleinen Buchten entlang dieses Wanderweges sind durch tektonische Aktivität schräggestellte Gesteinsschichten die „calcare metallifero“, die wunderschön anzuschauen, aber schwer zu fotografieren sind. Als erdgeschichtliche Kostbarkeit gelten die Trilobitenfunde im kambrischen Felsgestein in der Bucht des Canale Grande mit dem spektakulären, aber von Land aus unfotografierbaren „Canale“, die auf 550 Millionen Jahre zurückdatiert werden.

Die Einfahrt in den „Canale“, vom Wasser aus gesehen. Gut zu sehen sind in diesem Bild die schräg gestellten Gesteinsschichten.

In der Zeit, als die Minen ausgebeutet wurden, waren die Wege zum Abtransport der Erze von der Miniera di Canale Grande in einem schlechten Zustand, es waren eher Maultierpfade, denn Straßen. Die nächste Frischwasserquelle war eine Stunde entfernt, Holz zum Ausbau der Gruben kaum vorhanden. Aus diesen Gründen wurde die Mine nicht über längere Zeit betrieben. Für den Abtransport wurde eine Eisenbahntrasse zur Cala Domestica angelegt.

Cala Domestica

Die beiden schönen Strand-Buchten von Cala Domestica sind durch einen von der Minengesellschaft angelegten Tunnel verbunden. Die kleine Bucht wurde zur Verschiffung der in der Umgebung abgebauten Erze nach Carloforte auf der Isola San Pietro genutzt (dort wurden sie auf größere seetüchtige Schiffe umgeladen). Durch die Klippen, die die Bucht hufeisenförmig umschließen, war der kleine Hafen vor dem gefährlichen Maestrale geschützt, so dass die kleinen Segelschiffe hier gut an- und ablegen konnten. Ein kleines bisschen ist vom Pier noch übrig geblieben, doch es fällt schwer, sich den Vorgang des Verladens auf kleine Segelboote so richtig auszumalen. Für den Transport der Mineralien aus den Minen wurde 1905 eine 4,7 km lange elektrifizierte Eisenbahnstrecke angelegt.

Vom Winde verweht- Gebäudereste an der Cala Domestica

In der größeren der beiden Buchten von Cala Domestica sind noch Reste einer weiteren Schiffsanlegestelle und Gebäudereste zu sehen, der hintere Bereich des Strandes ist Dünenland, die Dünen sind vom Wind geformt, an einer Seite sieht man halb im Sand versunkene, vom Winde verwehte Gebäudereste.

Ausblick auf die Westküste und die Bucht von Portixeddu und San Nicolao. Die Bucht wird von Sanddünen gesäumt, die bis 130 Meter Höhe erreichen.

Die Miniera di Candiazzus

An der Straße SS126, die Fluminimaggiore mit Iglesias verbindet, legten wir einen Zwischenstopp ein, um die Miniera di Candiazzus zu erkunden. Von der Straße aus sieht man den Turm der Grube Pozzo Paris und einige Gebäudereste. Die Arbeiten in der Mine, in der Blei und Zink abgebaut wurde, begannen in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Die Überreste eines Brennofens sind noch recht gut erhalten, der Rest ist in morbidem Verfall begriffen.

Der Turm der Grube Pozzo Paris

Die Miniera di Reigraxius

Der Startpunkt einer weiteren Wanderung lag am Parkplatz der Case Marganai, wo ich botanisch Interessierten den Besuch des Berggartens empfehlen kann. In den Gebäuden der Case Marganai befindet sich heute der Sitz der sardischen Forstverwaltung. Im zugehörigen Berggarten sind seltene und endemische Pflanzen zu finden, darunter die Päonia mascula. Verschiedene Maschinen und Loren stehen als Zeugnisse der Bergbaugeschichte herum.

Päonia mascula im Berggarten der Case Marganai – (c) Torsten

Unser Ziel war die Miniera di Reigraxus. Diese alte Blei-, Silber- und Zinkmine wurde schon 1852 betreiben, als man die Arbeiten aus der römischen und pisanischen Epoche wiederaufnahm. 1867 ging die Mine an die englische Marganai Forest and Mining Company Limited. Von 1854 bis 1868 wurden 16.318 Doppelzentner Bleiglanz/Silber im Wert von damaligen 322.106 Lire abgebaut. Um das Gelände zu erreichen, ist ein halb- bis einstündiger Fußmarsch von den Case Marganai erforderlich. Wie haben die Minenarbeiter den Ertrag hier aus dieser unwegsamen, von Bergen umschlossenen Gegend herausgebracht? Eine der Gruben lag auf 722 m.ü.N.N.! Mehrere Tunnel mussten angelegt werden, um den Weitertransport der Wagons mit den abgebauten Mineralien, die von Tieren gezogen wurden, zu bewerkstelligen. Mit Ochsenkarren wurden Zink und Blei durch die 1866 angelegte Straße durch die Grotta San Giovanni bis in den Ort Domusnovas gebracht, von dort mit der (extra dafür angelegten) Eisenbahn via Musei nach Cagliari zur Weiterverschiffung.

Bizarre Tropfstein und Sinterformationen in der Grotta San Giovanni. 850 m lange Höhle von San Giovanni gehört zu den längsten natürlichen Tunneln der Welt.

Am letzten Tag stand ein Wasserfall auf der Liste meiner Fotobegehrlichkeiten. Das letzte, recht steile Wegstück des Wanderweges fand ich „anspruchsvoll“. Es ist nur für trittsichere Wanderer zu empfehlen.

Ein steiler Abstieg war für dieses Foto zu bewältigen. Das Wasser des Rio Oridda stürzt bei der Cascata von Piscina Irgas aus einer Höhe von fast 40 m herab.

Im Rückblick fand ich den oben genannten Bergwanderführer nicht so geschickt konzipiert. Der Punkt Übernachtungsquartier entlang des Weges war nicht glücklich gelöst. Die beschriebenen Wanderetappen fand ich mindestens anspruchsvoll bis eher schwierig. Wir haben Einiges gesehen und sind verschiedene landschaftlich abwechslungsreiche Teilstücke der Wanderwege gelaufen. Für einen Erstbesuch der Gegend rate ich aber dazu, die auf dem Cammino Minerario di Santa Barbera verbundenen, besser zu erreichenden Schauplätze zu besuchen. Mehr dazu in diesem Beitrag vom letzten Jahr.

Ein paar Fotos von unserer Wanderung in den Bergen des Iglesiente habe ich in der Galerie unten eingestellt. Die Bilder vergrößern beim Hineinklicken. Meine Favoriten sind die Nummern 3 und das letzte Bild vom Wasserfall. Und welche gefallen dir am besten?

Einige Gedanken zu “In den Bergen des Iglesiente

  1. Kathrin

    Liebe Michaela, der steile Abstieg für das letzte Foto hat sich wirklich gelohnt. Traumhaft schön! Ansonsten gefallen mir noch Nr. 1, 9 und 20 am besten. Schöne Ostertage und liebe Grüße!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert