Eine Geschichte ohne Happy-End
Diesen Bericht habe ich eine ganze Weile liegen gelassen, weil die Geschichte auf halber Strecke plötzlich zu Ende war. Doch im Rückblick meine ich jetzt doch, dass sie es wert ist, erzählt zu werden: Bei einem Rundgang entdeckte ich im Mai in meinem Garten eine Feldwespe (Polistes dominula) beim Nestbau. Diese hauchdünnen Pappmaché–Konstruktionen haben mich schon immer fasziniert. Darum nahm ich mir vor, den Baufortschritt täglich mit dem Makro zu verfolgen. Die Bauherrin war damit einverstanden. Sie hat mich und die Kamera mit dem 180er-Makro ganz offensichtlich wahrgenommen, aber bei einem Abstand von 55-75 cm (zur Sensorebene) sehr unaufgeregt toleriert.
Da das Nest im Gebüsch versteckt und geschützt angebracht war, hatte ich etwas Mühe mit einer ansprechenden Hintergrundgestaltung. Immer waren irgendwelche Ranken oder Dornen mit im Bild. Vorsichtig entfernen ging nicht, ich wollte ja das Nest nicht gefährden. Um das Problem zu minimieren, sind die späteren Fotos mit den 180er Makro +1.4 Konverter gemacht. Dadurch wurde der Sehwinkel kleiner und der Hintergrund trat etwas aufgeräumter in Erscheinung.
Die frühe Vormittagssonne von 9-10 Uhr gab ein schönes weiches Licht auf das Bauwerk. Über 15 Tage konnte ich zusehen, wie das Nest größer wurde. Bei einem bestimmten Lichtwinkel waren aus der Froschperspektive sogar Eier und später die merkwürdigen Larven zu erkennen. Ich finde, die Larven sehen ein bisschen wie Aliens aus. Was meinst du?
Zweimal zog hier im Mai nachts ein starker Sturm mit heftigem Regen durch. Ich machte mir Sorgen um das papierfeine Nest. Aber diese Bautechnik hat sich schon seit vielen Jahrtausenden bewährt. Alles blieb heil und meine kleine Freundin baute fleißig weiter neue Zellen an und versorgte die Kleinen. Manchmal schien es mir, als würde sie vor einem Abflug Blickkontakt mit mir aufnehmen.
Vor den Starts gab es einen Augenblick des Flügelschwirrens, bei dem die transparenten Flügel im Licht glitzerten. Ich entwickelte den Ehrgeiz, diesen Moment mit dem Glanz im Foto festzuhalten. Mein zusätzliches gestalterisches Ziel war, dabei beide Flügel parallel zur Sensorebene zu erwischen, um beide im Schärfentieferaum zu haben. Einige Fotos davon sind mir gelungen. Ich hatte aber noch Verbesserungsideen. Daraus wurde jedoch nichts mehr.
An dem Morgen an dem ich die Ideen umsetzen wollte, traf ich auf ein verlassenes Nest. Das feine Gebilde sah aus, als sei es zerschossen worden. Zellen waren leergeräumt. Oben saß eine männliche Springspinne und schaute mich mit großen Augen an. Zu klein allerdings, um als Wespennest-Rambo infrage zu kommen (vielen Dank Patrick, für diese Auskunft!).
Im Internet stieß ich auf den Hinweis, dass gelegentlich Artgenossen konkurrierende Nester ausräumen. Aber da ich den Überfall nicht gesehen habe, ist für mich unklar, was da genau passiert ist.
So bleibt die Foto-Geschichte des Feldwespen-Nestbaus unvollendet. Doch im kommenden Frühjahr werde ich schauen, ob in der Hecke neue Bauabsichten auszumachen sind. Vielleicht dann sogar mit Happy-End? Hier eine kleine Galerie, die den zeitlichen Ablauf über 15 Tage dokumentiert. Mein Favorit ist die Nummer 10 mit den schwirrenden Flügeln. Und welche Fotos gefallen dir am besten?
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Hallo Michaela,
die Natur ist wunderschön und grausam zu gleich.
Schade dass du deine Geschichte nicht zu Ende gebracht hast.
Deine Geschichte hast Du sehr schön und spannend erzählt,
ich finde auch Bild 10 sehr schön.
Liebe Grüße
Daumen hoch für die spannende Geschichte und die erhellenden Kommentare der Mitleser.
Dieses Jahr scheint hier bei uns ein Wespenjahr zu sein; ich habe selten so viele Wespen, Honigbienen und Hornissen unter meinem Birnbaum beim verzehren der süssen Früchte gesehen.
Herzliche Grüße und bis Donnerstag Bernhard
Hallo Michaela,
ja, die Natur ist schon fantastisch, auch wenn die Zerstörung so rasch geht. Die Nr. 10 finde auch ich sehr schön…! Was sind das für „Eier“ oder Ähnliches in Bild Nr. 12, vielleicht ein neuer „Wirt“…??? Die Natur ein Wunderwerk…
LG Christa
Liebe Christa,
vielen Dank für deinen Kommentar. Die Eier, die im letzten Foto zu sehen sind, habe ich dort schon so auffällig liegen sehen, bevor das Nest zerstört wurde. Ich bin keine Spezialistin für das Leben der gallischen Feldwespe. Meine laienhafte Vermutung ist, dass es sich um Eier dieser Art handelt, die sich nicht weiter entwickelt haben.
Liebe Grüße
Michaela
Wirklich schade. Ich hätte Dir – und natürlich der fleißigen Nestbauerin – ein Happy End gegönnt.
Foto Nummer 10 ist der Hammer. Eindeutig auch mein Favorit aus einer Reihe sehr schöner Bilder.
Ich meine das Flügelschlagen dient dazu, die Temperatur im Nest zu senken.
Liebe Grüße
Vielen Dank für den Hinweis, Helge. Du hast mich motiviert, dazu noch ein bisschen weiter zu forschen. Im Naturlexikon fand ich ergänzend dazu noch folgende Information: „Bei Kälte erzeugen die Wespen durch schnelles Flügelschlagen Wärme und bei Wärme bringen sie kleine Wassertropfen herbei, welche sie auf den Waben verdunsten lassen.“ Da es bei meinen Beobachtungen noch nicht besonders warm war, tippe ich in diesem Fall auf Wärmeerzeugung. Es ist immer wieder beeindruckend, wie erfinderisch die Natur ist.