Die kleinen blauen Männchen mit der roten Laterne
Die Überschrift liest sich vielleicht ein wenig sonderbar, aber keine Sorge, du kannst beruhigt weiterlesen, es handelt sich tatsächlich um ein ernsthaftes Fotoprojekt. Es geht im Folgenden um Prachtlibellen (Familie Calopterygidae) und ihre faszinierenden Rituale. Prachtlibellen sind in Deutschland selten geworden. Sie benötigen saubere Fließgewässer mit natürlicher Ufervegetation um sich wohl zu fühlen. Auf Sardinien sehe ich sie an den zahlreichen kleinen Flüssen und Bächen des Montiferru zu Hunderten. Sie gehören so selbstverständlich zum Ufersaum, dass ich sie lange Zeit kaum als Fotomotive beachtet habe. Seltsam eigentlich, dass das, was immer im Überfluss da ist, weniger interessant scheint, als die besonderen, seltenen Arten. Für diesen Sommer hatte ich mir vorgenommen, diese Libellen etwas genauer anzuschauen.
In Deutschland sind die Gebänderten Prachtlibelle (C. splendens) oder der Blauflügel-Prachtlibelle (C. virgo) heimisch. Wobei sich das Blau im Artennamen auf das Männchen bezieht. Die Weibchen beider Arten sind braun bis goldfarbig.


Bei den von mir beobachteten Prachtlibellen handelt es sich um die Bronzene Prachtlibelle mit dem etwas befremdlichen wissenschaftlichen Namen Calopteryx haemorrhoidalis. Das Verbreitungsgebiet dieser Art beschränkt sich auf das westliche Mittelmeergebiet. Erst seit vier Wochen folge ich den kleinen fliegenden Schönheiten intensiv mit der Kamera und bin fasziniert von der vielfältigen „Körpersprache“ dieser Tiere. Bei den ersten Fototouren wollte ich von Männchen und Weibchen erst einmal je ein schönes Artenporträt, das Farbe und Glanz gut einfängt.

Interessanter ist es, den Moment einzufangen, in dem ein sitzendes Tier die zarten Flügel auffächert. Mit schimmernden Glanzlichtern oder im Gegenlicht, das die Flügeläderung zur Geltung bringt. Beim Beobachten und Warten auf diese Motive geschah etwas Merkwürdiges: wenn eine andere Prachtlibelle sich im Überflug näherte, reagierte die sitzende Libelle. Sie spreizte die Flügel und streckte den Leib senkrecht nach oben.

Ein Paarungsangebot? Oder eine „Hau-ab-das-ist-mein-Revier“-Geste? Nach vielen Beobachtungsrunden interpretiere ich die Geste als Revierverhalten. Weil es meistens zwei weibliche Tiere sind, zwischen denen diese Auseinandersetzungen ablaufen. Eine gute Sitzwarte, von der aus nach Insekten gejagt werden kann ist begehrt, sie wird umkämpft und verteidigt.
Es ist spannend, diese Konfrontationen im Foto festzuhalten. Meistens reicht die beschriebene Drohgebärde der Sitzwarteninhaberin, um die Sache zu klären. Gelegentlich kommt es aber für Sekundenbruchteile auch zu kleinen Kämpfen und Zusammenstößen. Ein Beispiel zeigt in der Galerie unten das Foto Nr. 23. – leider sind nur zwei Beinchen scharf 🙁

Bei der Suche im Internet nach Berichten über ähnliche Beobachtungen fand ich verschiedene Interpretationen, zum Beispiel bei Wikipedia und in Form eines Videos hier. Hier wird allerdings mehr auf männliches Revierverhalten verwiesen. Bei meinen Beobachtungen ist das Revierverhalten viel häufiger charakteristisch für die Weibchen gewesen. Aber auch als Paarungsgeste konnte ich es fotografieren, drei Beispiele sind in der Galerie unten auf den Bildern Nr. 28-30 zu sehen. Nach meinen Beobachtungen kommt es auf den Kontext an, was damit gemeint ist.

Interessant fand ich in dem oben genannten Wikipedia-Artikel das folgende Detail bei der Beschreibung des Männchens: „An der Unterseite der letzten beiden Abdominalsegmente befindet sich eine rosarote bis rote Färbung, die sogenannte „rote Laterne“. Diesem Merkmal verdankt die Art ihren wissenschaftlichen Namen haemorrhoidalis“.

Mir war bei den Männchen bisher nur gelegentlich ein schwacher roter Schimmer am hinteren Libellenende aufgefallen. Von Wikipedia animiert, machte ich mich gezielt auf die Suche. Gibt es sie wirklich, diese Laterne?

So richtig freigiebig waren die kleinen blauen Männchen mit ihrer Gestik nicht. Aber gelegentlich zeigten sie kurz das Signallicht am Achtersteven. Eine Darbietung für das Weibchen? Oder auch ein Territorialverhalten? Nach dem, was ich bisher gesehen habe kommt es auch hier auf den Kontext an. Während das Männchen sich in dem oberen Foto dem Weibchen zeigt, verteidigt dasjenige im unteren Foto sein Revier gegen einen Rivalen.

Auf jeden Fall werde ich dieses Libellenprojekt weiter fortsetzen. Noch fehlen mir Szenen von der Paarung und der Eiablage am Wasser. Vielleicht entdecke ich ja noch weitere unerwartete Überraschungen. Wenn du Lust und Zeit hast, bei einigen Exkursionen dieses Projektes auf Sardinien mitzumachen, melde dich. Das lässt sich organisieren.
Hier nun zum Abschluss eine kleine Galerie meiner Prachtlibellen. Die Serie wird fortgesetzt. Meine bisherigen Favoriten sind die beiden Interaktionsszenen Nr. 20 und 24. Und welche gefallen dir am besten?
- Ausstellung „Faszination Windmühlen“
- Libellen – An- und Abflug
Hallo Michaela,
seit langem habe ich mal wieder bei Dir vorbeigeschaut und bin schwer beeindruckt von Deinen Bildern und all den Informationen dazu. Da wünschte ich echt, wieder mehr Zeit dafür zu haben. Bei uns fliegen am Bach die heimischen gebänderten Prachtlibellen. Ich muss sie mir dann doch mal vornehmen.
Ich kann mich nur schwer entscheiden, aber 28, 32 und 35 haben es mir sehr angetan.
Liebe Grüße
Carina
Hallo Carina,
vielen Dank für deine Favoriten. Ich wünsche dir schöne Prachtlibellenmotive und gutes Licht bei euch am Bach. Halte Ausschau nach den Laternen!
Laut Wikipedia gibt es auch in Deutschland weiße und rote Laternen bei den Prachtlibellen. Es heißt dort zu den Gebänderten und den Blauflügel-Prachtlibellen: „ … die Unterseite der letzten drei Hinterleibssegmente, die bei der Gebänderten Prachtlibelle gelblich-weiß und bei der Blauflügel-Prachtlibelle leuchtend rot sind.“
LG
Michaela
Liebe Michaela,
ein fantastischer Bericht mit den wunderschönen Fotos von den Libellen.
Mich faszinieren sie auch und ich habe auch Fotos, aber nicht so schön freigestellt wie Deine. Auch die Farben der Libellen sind beeindruckend und sehr abwechslungsreich. Aber man braucht viel Geduld und Ausdauer, um sie zu fotografieren.
Mir gefallen sie alle…
Liebe Grüße
Christa
Vielen Dank für dein Feedback Christa! Diese Libellen sind für mich mittlerweile zu einem richtigen Langzeitprojekt geworden, das mit der Ausdauer hat sich einfach so ergeben, weil sie so interessant zu beobachten sind.
LG
Nichaela
Sehr schöne Aufnahmen, die Du wie immer mit Deinem Forschungstrieb untermauerst und die, wie Bernhard schon sagt, sicher viel Geduld und Liegen am Ufer erforderten. Sehr interessant auch zu lesen, aber warum schliesst Du aus, dass es auch bei Libellen homosexuelle Exemplare geben könnte? Dieses Thema würde den Schwierigkeitsgrad in der Verhaltensforschung nochmals steigern. Bei mir an der Reppisch ist es den Menschen verboten, den Uferbereich zu betreten, so dass ich mich hier nicht auf die Lauer legen könnte.
Liebe Grüsse, Torsten.
Vielen Dank Torsten! Annahmen von vorn herein auszuschließen geht natürlich gar nicht. Genauso wenig, wie unbewiesene Vermutungen, mit einem „vielleicht“ verbrämt, als „Fakten“ darzustellen. Im Laufe der vielen Wochen, die ich die Libellen jetzt beobachte, habe ich gelernt, Vieles infrage zu stellen: es gibt Veröffentlichungen, die Kämpfen/Revierverhalten eher den Männchen dieser Art zuschreiben. Interessanterweise stammen diese Beobachtungen von Männern. War hier am Anfang die vorgefasste Meinung (Männer kämpfen), die dann durch singuläres Beobachten verifiziert wurde? Ich habe eher die Weibchen als die aktiveren Kämpferinnen beobachtet. Aber spektakuläre Action im Foto festzuhalten, war ja auch meine Absicht. Daher war ich darauf trainiert, genau dieses vorherzusehen und zu beobachten, um die Kamera im entscheidenden Moment auslösebereit zu haben. Das hierfür optimale Zeitfenster war für mich im Juli /August morgens von 9-10 Uhr, nach einer Aufwärmphase in der Sonne jagen die Tiere – bei ihnen ist dann Frühstückszeit. Aktiver bei der Jagd waren in dieser Zeit die Weibchen. Wenn ich mich auf diese Szenen und dieses Zeitfenster fokussiere, ist damit natürlich eine Einengung auf einen kleinen Satz von Verhaltensparametern verbunden. Daraus allgemeine Schlussfolgerungen zu ziehen, wäre genauso problematisch, wie die oben genannte Schlussfolgerung, dass die Männchen die Kämpfer wären. Durch die Art der Beobachtung eines Ereignisses wird das Beobachtungsergebnis beeinflusst. Seriöse Aussagen lassen sich ja immer erst dann machen, wenn alle wirksamen Parameter identifiziert und berücksichtigt sind. Stell dir ein außerirdisches Raumschiff vor, dass untersuchen soll, ob es intelligente Spezies auf der Erde gibt und dazu über einen Zeitraum von einer Stunde das Verhalten in Mainz am Rosenmontagsabend beobachtet. Den daraus erstellte Forschungsbericht würde ich gerne lesen 🙂
Liebe Grüße
Michaela
Danke für den wunderbaren Bericht und die eindrucksvollen Aufnahmen! Wie bei jedem anderem Sujet gilt auch bei Deinen Bildern: Je besser man sein Motiv kennt , desto leichter fällt es einem , besondere Aufnahmen zu machen. Man merkt beim Anschauen, die Fazination die Libellen auf Dich ausüben. Dein Wissen über das spezifische Verhalten der Libellen wie Nahrungsaufnahme, Spielverhalten, Fortpflanzung etc. überrascht mich immer wieder. Beim Anschauen musste ich an den folgenden Satz von Henri Cartier-Bresson denken: „Fotografieren bedeutet, den Kopf, das Auge und das Herz auf dieselbe Sichtlinie zu bringen“ Ich denke, Dir ist es auch diesmal wieder sehr gut gelungen.
Chapeau!
Meine Favoriten: 06, 17, 32 und 40
Vielen Dank Roland! Du hast es gut auf den Punkt gebracht: je länger ich mich mit diesem Fotothema beschäftige, desto mehr Details entdecke ich, die mir beim ersten Hinschauen gar nicht aufgefallen waren. So werden aus Fotoexkursionen faszinierende Entdeckungstouren. Nicht nur bei Libellen; und das macht die Fotografie zu einer immer wieder spannenden Beschäftigung. Und das ganz in der Nähe von zuhause, zu Fuß oder mit nur ein paar Kilometern Autofahrt zu erreichen.
Liebe Grüße
Michaela
Da hast Du ja wieder ein faszinierendes und anspruchsvolles Fotoprojekt ausgesucht. Mir gefallen die flinken „Gesellen“ auch sehr, zum Fotografieren fehlt mir aber die nötige Geduld. Unter all Deinen spannenden Fotos gefallen mir #20, #24 und #33 besonders.
LG aus dem Schwarzwald
Bernhard
Vielen Dank Bernhard, für dein Feedback. Hast du im Renchtal schon Prachtlibellen beobachten können? Die Männchen der bei euch heimischen Arten tragen keine rote Laterne mit sich herum.
Liebe Grüße
Michaela
I think I met some of these guys on my visit. We have DF’s where the sexes have different colours. Nice reminder.
Thanks Micha
Mike
Thank you, Mike!
Bellissimo articolo scritto in scrupolosa descrizione come solo tu sai fare.
Ho seguito il tuo percorso come tanti altri ma questo delle libellulu è ancora più affascinante.
Complimenti vivissimi cara Michaela.
Tutte belle.
Le mie due preferite sono la 6 e la 22.
Un caro saluto
Vittoria
Grazie mille, Vittoria!