Michaelas Logbuch – Fotoreisen und Fotoprojekte

Das Geheimnis der Fanouropita

Bei meinem Aufenthalt in einem kleinen Bergdorf durfte ich nicht nur den Tsipouro, sondern auch einige andere Spezialitäten der griechischen Küche probieren. Neugierig machte mich ein Kuchen mit dem feinen Aroma von Zimt und Walnüssen. Weil er lecker war, hauptsächlich aber wegen der Geschichte hinter dem Gebäck.

Meine erste Bekanntschaft mit einer Fanouropita – ein Geschenk der freundlichen, älteren Dame von nebenan. Vielen Dank Vasso!

Es wurde mir unter dem Namen Fanouropita (φανουρόπιτα) vorgestellt. Und es ist nicht einfach irgendein Stück Kuchen, sondern auch ein Stück Lebenshilfe. Der Name Fanouropita leitet sich ab von Agios Fanourios (Αγιος Φανούριος, bzw. AΓΙΟΣ ΦΑΝΟΥΡΙΟΣ in Großbuchstaben), einem der vielen Heiligen der griechisch-orthodoxen Kirche. Über dessen Biografie ist wenig bekannt. Es gibt einige Internetseiten auf griechisch, die etwas tiefergehen als Wikipedia, hier der Link auf eine, die per Klick eine englische Textausgabe bereit stellt. 

Eine Darstellung des Agios Fanourios (AΓΙΟΣ ΦΑΝΟΥΡΙΟΣ), gefunden in einer kleinen Minikapelle, wie sie häufig in Griechenland am Straßenrand zu finden sind.

An Agios Fanourios wendet man sich, wenn man etwas verloren hat. Schlüssel, Brille, Regenschirm, was auch immer gerne und oft verloren geht. In diesen Fällen, so wurde mir berichtet, hilft es, eine Fanouropita zu backen. Beim Zusammenrühren des Teigs wird ein Kreuz darüber geschlagen und Bäcker oder Bäckerin sagt: „Agios Fanourios, hilf mir, meine Schlüssel (hier das richtige Wort einsetzen) wieder zu finden.“ „Es hilft wirklich“, wurde mir versichert und ich bekam gleich einige beispielhafte Geschichten über erfolgreich wiedergefundene Dinge zu hören. Sogar in Liebesangelegenheiten soll es helfen. Mir gefällt dabei auch die soziale Komponente der Fanouropita: meistens ist nach dem Backen zu viel Kuchen vorhanden, also bekommen die Nachbarn auch etwas ab, man kommt ins Gespräch, man hilft sich.

Nicht gestellt, sondern echt gefunden: Irgendjemand hat vor längerer Zeit diese Schlüssel am Wegesrand verloren.

Diejenigen, die mich kennen, wissen, dass ich andauernd auf der Suche nach meinen Schlüsseln bin, weil ich sie entweder verlegt oder irgendwo liegengelassen habe. Dann eine Fanouropita zu backen, wäre genau das, was mir helfen könnte. Darum bat ich die ältere Dame, die den Kuchen gebracht hatte, um das Rezept.

So nett und hilfsbereit: die ältere Dame, die eine Kostprobe der Fanouropita gebracht hatte, hat hier das Rezept aufgeschrieben

Hier die Übersetzung:

  • 3 Tassen Mehl
  • 2/3 Tasse Olivenöl
  • ½ Tasse Walnüsse
  • 1 Tasse Orangensaft, wenn gewünscht auch abgeriebene Schale
  • ½ Tasse Zucker mehr nach Geschmack
  • ½ Tasse Rosinen
  • 1 TL Backpulver, ein Prise Zimt + gem. Nelken
  • In der Einstellung Unter-/Oberhitze bei 180-200°C ½ – 3/4 Stunde backen

So recht mochte ich zunächst an die Existenz dieses hilfsbereiten Heiligen noch nicht glauben. Bei meinen Reisen durch Griechenland bin ich schon an vielen Kirchen vorbei gekommen. Meist steht ein Namensschild daneben. Agios Nikolaos, Agios Ioannis, … , aber eine Agios Fanourios Kirche hatte ich noch nie bewusst wahrgenommen. Ein Klick auf Google Maps mit dem entsprechendem Suchwort füllte diese Wissenslücke. Allein im Umkreis um Milia, wo ich mich zu der Zeit gerade aufhielt, gibt es mehrere dem Agios Fanourios geweihte Kirchen. Eine befindet sich in dem abgelegenen Dorf Karoutes im Giona-Gebirge. Nichts wie hin! Wie, um alle meine Zweifel zu zerstreuen, strahlte in einem Bogen aus weißen Lettern sogar der Name über der Eingangspforte.

Eingang der Agios Fanourios (AΓΙΟΣ ΦΑΝΟΥΡΙΟΣ) Kirche in Karoutes
Die Gesamtansicht der kleine Kirche. Zwischen den beiden Bogenfenstern ist ein Bild des Heiligen eingefügt.

In der Außenwand der Kirche zwischen den beiden Bogenfenstern ist ein Bildnis des Heiligen eingelassen. Es hat so gar keine Ähnlichkeit mit dem Bildnis auf dem Foto weiter oben. Da sich die Biografie des Heiligen im Nebel der Jahrhunderte verliert, hat wohl jeder seine eigene Vorstellung davon, wie er ausgesehen haben könnte. Weitere, wiederum andere Darstellungen gibt es in einer Höhle in der Nähe des Ortes Kyrenia auf Zypern, in der er sich versteckt haben soll. Hier der Link auf ein Video, das die Höhle und die dazugehörige Kirche auf den Klippen über dem Meer zeigt.

Bildnis des Agios Fanourios in der Außenwand der Kirche.

Unten findest du eine Mini-Fotogalerie zur Geschichte. Diesmal habe ich außerdem eine Bitte an dich: beim Zusammenstellen der Fotos für diesen Bericht habe ich versucht, den Begriff „verloren“ zu visualisieren. Aber wie fotografiert man/frau etwas, das nicht mehr da ist? Zwei Bildideen von mir siehst du unten, s. Nrn. 4 + 5. Fällt dir dazu auch etwas ein? Dann schicke es mir bitte und ich ergänze diesen Bericht gerne um deine(n) Beiträg(e). Und wenn du auf die Idee kommen solltest, eine Fanouropita zu backen, freue ich mich über ein Foto davon – oder über die Rückmeldung, welche verlorenen Dinge du wiedergefunden hast  🙂

Aktualisierung vom 11. Dezember: Gerade habe ich die Galerie mit Bild 9+10 um zwei Beiträge von Christa ergänzt. Vielen Dank Christa!

Und noch eine Aktualisierung vom 9. Januar: Gerade habe ich die Galerie mit Bild 11 um ein Foto von Bernhard ergänzt. Vielen Dank Bernhard!

Für die Vollbild- bzw. Slideshow-Ansicht bitte in ein Vorschaubild hineinklicken! Ein Klick auf „i“ blendet die Bildbeschreibung ein.

17 Gedanken zu “Das Geheimnis der Fanouropita

  1. Steffen

    Hallo Michaela,

    nach zu vielen Gebeten und Pitas könnte man auch die Kontrolle über den eigenen Umfang verlieren, kann aber dafür dann gleich wieder backen um eine neue passende Hose zu finden… zählt das auch? 🙂

    Ja, die Geschichte mit dem Abgeben ist schon schön. Vor allem hier bei uns habe ich immer wieder das Gefühl, dass der soziale Kontakt oft nicht mal mehr bis zu den Nachbarn reicht, backen könnte dann ja auch hier helfen.

    Danke 🙂

    Liebe Grüße
    Steffen

  2. Margareta

    Liebe Michaela,

    bei dem Begriff „Verloren“ kommen mir nicht nur Gegenstände sondern auch „verlorene“ Landschaften, Blicke von Menschen und Tieren in den Sinn.
    „Verlorene“ Gesichter habe ich auch in Steinen, Bäumen und „Ulivis“ entdeckt.

    Liebe Grüsse aus Blätz

    1. Michaela Artikel Autor

      Liebe Margareta,
      vielen Dank für deine Gedanken zum Thema. Der Begriff „Lost Places“ ist mir dazu auch gleich noch eingefallen.
      Unsere Sammlung zu „verloren“ wird immer vielseitiger, wie schön!
      LG
      Michaela

  3. Vittoria

    Ciao Michaela.
    Bellissimo racconto .
    Ancora una volta il tuo viaggiare insegna sempre qualcosa di nuovo da raccontare con testi e immagini come sai fare tu.
    In questo racconto mi fai tornare indietro nel tempo e ricordare vecchi riti che si facevano a Cuglieri e sicuramente in tutta la Sardegna.
    I nostri vecchi dicevano che per ritrovare degli oggetti persi bisognava invocarsi a S. Antonio e poi recitare la preghiera del Padre Nostro doppio fino alla fine.
    Esempio:
    Padre Padre, nostro nostro, che sei che sei nei cieli nei cieli ecc….
    Se riuscivi a recitare questo fino alla fine senza fermarti e confonderti ti avrebbe aiutato a trovare l’oggetto smarrito.
    Grazie Michaela il tuo racconto mi ha fatto tornare indietro nel tempo.

    1. Michaela Artikel Autor

      Ciao Vittoria,
      grazie mille per questo commento informativo. Non sapevo la storia dei vecchi riti che si facevano a Cuglieri. Hai aggiunto un altro pezzo del puzzle per ritrovare degli oggetti persi.
      Michaela

  4. Oppermann

    Liebe Michaela,
    schön von dir zu hören und immer wieder einmal neue Anregungen zu bekommen. ‚Verloren‘ ist aus meiner Sicht sehr vielschichtig, u.a. von verlorenen Gegenständen uvm. bis zum Persönlichem, bei dem man sich verloren vorkommt/fühlt. Das Kuchenrezept bzw. der Kuchen helfen sicherlich in dieser Zeit Kontakte aufrecht zu erhalten. Auf jeden Fall motiviert es, sich mit der Begrifflichkeit und der Bedeutung auseinander zu setzen. Besten Dank für den Anstoß.
    Ich wünsche dir eine schöne Adventszeit und bleib gesund.
    Liebe Grüße
    Heinz-Walter

    1. Michaela Artikel Autor

      Lieber Heinz-Walter,
      vielen Dank. Es freut mich, zu hören, dass ich dich zu einer Auseinandersetzung mit dem Begriff verloren motiviert habe.
      Schick Fotos, wenn du eine Idee umgesetzt hast!
      LG
      Michaela

  5. Christa Jedelhauser

    Liebe Michaela,
    immer wieder bekommt man Inspiration zu etwas Neuem – auch das ist vielleicht das Wiederentdecken von Neuem, von verschüttetem Wissen, von verloren gegangenen Ideen…! Wunderbar eingebettet von traditionellen Bräuchen der liebenswerten Menschen in traumhaften Landschaften – und von Dir an uns weitergegeben.
    Danke dafür – ich bin berührt und begeistert.
    Herzlichst
    Christa

    1. Michaela Artikel Autor

      Liebe Christa,
      vielen Dank! Wenn du deine erste Fanouropita gebacken hast, schicke doch bitte ein Foto! Und denk daran, in Griechenland bekommen auch die Nachbarn ein Stückchen – die soziale Komponente des Kuchens 🙂
      LG
      Michaela

  6. Fendler

    Tolle Anregung Michaela und weiterhin den Spaß am Leben, wie er hier zu spüren ist.
    Das Leben verlieren ist/war ja mein Thema – im Sinne von Tod und Begleitung bis zum Tod – aber Verlust beinhaltet auch Gewinn von Neuem, Unbekanntem
    Gruß aus Hannover Franz-Rudolf

    1. Michaela Artikel Autor

      Hallo Franz,
      je mehr ich mich mit dem Thema „verloren“ beschäftige, desto mehr Bedeutungen kommen zum Vorschein. Und du hast wieder eine Neue hinzugefügt. Vielen Dank dafür und auch für deine guten Wünsche.
      LG
      Michaela

  7. Gisela

    Hallo,
    kann meinen „Vorschreibern“ nur zustimmen. Immer wieder neue Ideen von Dir, wie leicht Du Kontakt zu anderen bekommst und welch schöne Artikel rauskommen. Klasse.
    Bildideen? Als ich die Überschrift gelesen habe, schoss mir sowas wie „verlorene Kindheit/Jugend“ durch den Kopf und dazu das Bild eines alten Menschen oder bei mir auch eines grauhaarigen Zootiers. Aber die verlorene Jugend kann man ja schwerlich wiederfinden.
    Aber Dein Bericht klingt eher nach wirklich verlorenen Sachen wie Schlüssel, Schirm oder Handschuh. Und da hast Du ja schon was. Was ich schon mal gesehen habe, war ein verlorener Handschuh an einem Ast oder auf einem Zaunpfosten. Ein Schnuller, der im Teich schwimmt. Was hältst Du von den Herbstbäumen, die die Blätter verloren haben, und die liegen jetzt auf dem Boden?
    Liebe Grüße nach Griechenland, hab viel Spaß und genieße Dein Leben
    Gisela

    1. Michaela Artikel Autor

      Liebe Gisela,
      vielen Dank für deine Ideen. Mir gefällt der Handschuh auf dem Ast. Allerdings ist es hier in Griechenland noch nicht kalt genug für Handschuhe :-). Das finde ich auch ganz gut, ich mag die Kälte nicht so. Aber ein Handschuh wäre definitiv etwas, von dem ich mir wünschen würde, es wieder zu finden. Vielleicht würde ich dafür sogar einen Kuchen backen.
      LG
      Michaela

  8. Bernhard Schmid

    Schön, wie du uns an deinen Erlebnissen und Begegnungen teilhaben läßt.
    Für alles „Verlorene“ ist hier im süddeutschen Sprachraum und unter katholischen Gläubigen der Heilige Antonius „zuständig“. Meine Frau schwört auch darauf. ;-))
    Liebe Grüße aus dem Renchtal
    Bernhard

  9. Peter Liebthal

    Liebe Michaela,
    bewundernswert, wie du immer wieder mit den Leuten vor Ort ins Gespräch kommst, deine Reiseerlebnisse beschreibst, der Geschichte hinter der Geschichte nachgehst und alles mit tollen Fotos zu einem runden Ganzen zusammenfügst.
    Peter

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