Der älteste Baum Italiens
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Im letzten Bericht ging es um den über 1000 Jahre alten Olivenbaum in Cuglieri. Ein ehrfurchterweckendes Alter, aber er ist noch nicht der älteste Baum auf Sardinien. Ein offizielles Verzeichnis nennt beinahe 400 Baumriesen für die Insel. Der vermutlich Älteste steht auf dem Gebiet der Gemeinde Luras in der Provinz Olbia-Tempio. Man nennt ihn dort „Il Patriarca”.
1991 wurde dieser Baum zum „Monumento Naturale“ erklärt. 11 Meter ist er hoch, der Stammumfang misst 13 Meter, die Angaben variieren je nach Quelle etwas. Sein Alter wird von Experten der Universität Sassari mit 3800-4000 Jahren angegeben, auf der Schautafel vor Ort hat man sich für die Zahl 4000 entschieden. Damit ist er sicher der älteste Baum Italiens, vielleicht sogar der älteste Baum Europas (Der „Llangernyw Yew“ bei der St. Dygain’s Kirche im Dorf Llangernyw in Nord-Wales ist eventuell noch älter, jedoch gibt es Kontroversen über die Datierung.) Ich versuche, mir historische Ereignisse von vor 3800 oder 4000 Jahren zu vergegenwärtigen. Dieser Baum stand schon an seinem Platz, als vor 3600 Jahren die minoische Eruption die Insel Santorini zerriss und die heutige Caldera formte. Ob er den Vulkanausbruch in seinen Wurzeln gespürt hat? Es heißt ja, die Erschütterungen bzw. der nachfolgende Tsunami müssten im ganzen Mittelmeerraum zu spüren gewesen sein.
Als ich mich im März auf den Weg machte, um diesen Baum zu sehen, waren außer mir kaum Menschen dort unterwegs. Das letzte Wegstück führt am Lago Liscia vorbei und bietet schöne Panoramablicke auf den See. Am Ziel gegenüber der Kirche San Bartolomeo angekommen studierte ich zunächst die Infotafel und erfuhr, dass der kleine Besucherpfad nicht nur zu einem, sondern zu drei Olivenbäume führt. Das Alter des zweiten Baumes wird mit 2000 Jahren angegeben, der dritte ist dagegen ein Jüngling von nur 200 Jahren. Unter dem rein fotografischen Aspekt waren alle drei faszinierende und auch vom Charakter grundverschiedene Motive.
Der Patriarch hatte etwas Wildes, Urtümliches an sich. Die Jahre sind an ihm nicht spurlos vorüber gegangen.
Der 2000-jährige Gefährte streckt seine Zweige so weit aus, dass ich mich unter dem Laubdach wie in einem dunklen, verschlungenen Dschungel fühlte. Selbst mit 17 mm Brennweite ist es mir nicht gelungen, alles einzufangen. Um den Stamm herum sind kurz vor meinem Besuch Rosenblätter verstreut worden. Das gab einen schönen Farbkontrast.
Der junge Kerl von nur 200 Jahren reckte seine Zweige wie eine zweistöckige Kuppel über sich. Während mich bei den beiden Alten vor allem der mächtige Stamm beeindruckt hat, waren es bei diesem die ausladenden Zweige.
Für diesen Besuch hatte ich einen ganzen Tag eingeplant, um die Lichtsituation von morgens bis abends zu studieren und für jedes Motiv jeweils das beste heraus zu holen. Das hat sich als gute Taktik erwiesen, da manche Bildideen tatsächlich nur mit dem Morgenlicht, andere nur mit spätem Nachmittagslicht optimal zu realisieren waren. Am Nachmittag ergab sich auch noch die Gelegenheit, mit einem Herrn ins Gespräch zu kommen, der für die Planung von Baumpflegemaßnahmen vor Ort war. Ich fragte ihn, wie viele Besucher der Patriarch in einem normalen Jahr anzieht. Im Internet hatte ich die Zahl 10.000 gefunden. Das hat er mir bestätigt. Wobei sich das auf die Monate Mai-September konzentrieren würde, ohne auffällige Unterschiede zwischen Werktagen und dem Wochenende. Einerseits ist es schön, dass der Alte so viele Menschen in seinen Bann zieht. Andererseits geht es bei einem so gewaltigen Besucherdruck im Sommer nicht mehr ohne Besucherlenkungsmaßnahmen.
Zum Abschluss, wie immer eine kleine Galerie zu meinem Besuch beim Patriarca und seinen Gefährten. Die Bilder sind nach dem Baumalter geordnet, vier Schwarzweiß-Ausarbeitungen bilden den Schluss. Meine derzeitigen Favoriten sind die Nr. 2 und Nr. 11. Und welche gefallen dir?
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- Der alte Baum und das Licht
- Alte Wassermühlen – Geschichten von Verfall und Restaurierung
Liebe Michaela,
wieder wunderschöne Aufnahmen – mich faszinieren auch solche „Naturdenkmäler“ sehr und habe hohen Respekt davor. Man kann in den Aufnahmen vieles sehen – Gesichter, Tiere,… – wer weiß, was das zu bedeuten hat. Die Nummern 4 und 7 finde ich, für mich, besonders berührend, die roten Blätter tun ihr übriges dazu. Doch alle Aufnahmen sind sehr eindrucksvoll.
So schön, dass wir das alles sehen dürfen – danke…!
Liebe Grüße
Christa
Liebe Christa,
vielen Dank für deine Feedback und deine Favoriten. Ich fand bei den Aufnahmen auch, dass die roten Blätter nicht stören, sondern einen besonderen Akzent setzen. Es freut mich, dass du das auch so siehst.
Liebe Grüße
Michaela
Liebe Michaela,
ich finde es immer genial, einen alten Baum zu berühren und mir vorzustellen, was der alles schon „gesehen“ haben mag. Dein 4.000 Jahre alter Freund hat noch die Römer erlebt und auch das Leben Christi. Wahnsinn.
Mir gefällt die sieben auch sehr gut und die 10. Schwarz weiß bei so alten „Kerlen“ ist für mich eine gute Darstellung.
Liebe Grüße
Gisela
Liebe Gisela,
vielen Dank für dein Feedback. Das Bild Nr. 10 habe ich auch in Farbe und es ist genau wie du sagst, bei der SW-Ausarbeitung sehe ich einen nachdenklich geneigten Kopf mit zwei Augen, die nach unten blicken. Schaue ich das gleiche Bild in Farbe an, kommt das nicht heraus.
Liebe Grüße
Michaela
Wirklich beeindruckende Monumente diese alten Bäume. Die Nummer 2 könnte gut der Alte Weidenmann sein, oder nicht? Auch wenn er nicht so aussieht, als würde er gern Hobbits zum Frühstück verspeisen. Sieht eher etwas verwundert aus. Ich denke mir, gleich schüttelt er noch den Kopf ob all unserer menschlichen Dummheit.
Die s/w Varianten gefallen mir ausgesprochen gut. Meine Favoriten sind die 6 und die 11. Als würde man in ein Gewölbe hineinschauen. Sakralbauten der Natur, die es mit jeder gotischen Kirche aufnehmen können.
Moin Helge,
Vielen Dank für deine Rückmeldung. Den von dir benutzten Ausdruck „Sakralbauten der Natur“ finde ich gut. Das trifft das Gefühl, das ich beim Fotografieren dort hatte ganz genau.
Liebe Grüße
Michaela